Jenseits jeder Normalität Die Pandemie stellt die Evangelische Jugendhilfe vor enorme Herausforderungen

Im Moment besonders engagiert mit anzupacken, ist Ehrensache für Jessica Montag: Die Jugendlichen aus der Gruppe „Elche“ der Evangelischen Jugendhilfe brauchen sie mehr denn je.

Die Sozialpädagogin arbeitet darum viel länger als sonst. Das macht sie gern. Nur eines findet sie schade: „Was wir tun, sieht draußen offenbar keiner.“ Warum gab es für sie und ihre Kollegen keine Corona-Prämie? Nur ihr Arbeitgeber würdigte bisher den hohen Einsatz des Teams durch eine Prämienzahlung.

Viele junge Menschen, die in den verschiedenen Gruppen der Evangelischen Jugendhilfe Würzburg (EJ) wohnen, leiden unter seelischen Erkrankungen. Man sieht ihnen nicht an, was sie alles hinter sich haben. Andi (Name geändert) zum Beispiel wirkt wie ein ganz normaler, vielleicht etwas allzu zurückhaltender Teenager. Im September, also mitten in der Pandemie, zog er in die Gruppe „Elche“ der Ev. Jugendhilfe ein.

Andi fiel es schwer, morgens aus den Federn zu kriechen und in die Schule zu gehen. Nicht, dass ihm die Lehrer Angst gemacht hätten. „Ich konnte mich einfach nicht motivieren“, erzählt der 15-jährige Gymnasiast. Aktuell hat er Homeschooling. Was er auch ganz gut findet. Doch eben diese Beschulungsart stellt die Evangelische Jugendhilfe vor personelle Probleme. Normalerweise braucht es nur dann erzieherisches Personal, wenn die Kinder und Jugendlichen von der Schule in die Gruppen kommen. Durch das Homeschooling wurde eine Betreuung auch am Vormittag nötig. Das, so Einrichtungsleiter Gunter Adams, muss aus den eigenen Reihen rekrutiert werden.

Schwierig findet es der Chef der Ev. Jugendhilfe weiter, dass nicht für alle Schüler Laptop fürs Homeschooling von den Schulen gestellt werden: „Und die wenigsten unserer Kinder haben ein Gerät von daheim mitgebracht.“ Etwa 80 Prozent der rund 300 jungen Menschen, die gerade betreut werden, verfügen deshalb nicht über technisches Equipment. Dann wird aus Büchern gelernt. Andi kann auf einen Computer zurückgreifen. Auch Nicole (Name geändert) aus seiner Gruppe lernt derzeit virtuell. Was die 17-Jährige nicht so gut findet: „Ich gehe sehr gern in die Schule.“ Ganz schwierig findet sie den Wechsel zwischen Präsenz- und Onlineunterricht: „Denn ich brauche einen festen Rhythmus.“

Dass sie die Zeit nun großenteils in der Gruppe verbringen müssen, ist für die Kinder und Jugendlichen schwierig. „Man kann sich nicht gut aus dem Weg gehen“, meint Nicole. Auch Sven (Name geändert)  findet es mitunter sehr stressig, fast nur in der Gruppe zu sein. Der aufgeweckte Elfjährige, der vor vier Jahren zur Evangelischen Jugendhilfe kam, lechzt nach neuen Erfahrungen. Highlights in seinem jungen Leben waren die Reisen, die er mit der EJ unternommen hat: „Wir sind zum Beispiel einmal nach Dänemark gefahren.“ In Momenten, wo es dem Jungen schwerfällt, in seinem Zimmer zu hocken, ruft er sich die Bilder jener wunderbaren Reise in Erinnerung. Den Strand. Die Muscheln. Das Meer.

Wenn es bald wieder überall grünt und blüht, wird der Lockdown einfacher zu ertragen sein. Doch die Wintermonate sind hart. „Wir wissen bald nicht mehr, wo wir mit den Kindern noch hingehen sollen“, sagt Erzieherin Karina Weidner von der Gruppe „Wolken“, auf der auch Sven wohnt. Alle Ausflugsziele in der näheren Umgebung sind bereits abgeklappert. Die Gruppe selbst verfügt zwar über ein Außengelände. Doch das muss sie sich mit zwei anderen Gruppen teilen. Ebenso wie den Jugendraum, wo ein Billardtisch steht. Nachdem sich die Kinder nicht mischen dürfen, ist es immer nur den Kindern einer Gruppe gestattet, draußen zu spielen. Dabei würden sich alle so gern mal wieder treffen.

Auch für Karina Weidner ist es eine Herzensangelegenheit, Kindern zu helfen, die vom Leben nicht eben verwöhnt worden waren. Sie liebt ihren Job. Doch derzeit muss sie sehr darauf achten, dass die Arbeit sie nicht an die Grenze ihrer Belastungsfähigkeit bringt: „Was wir tun, ist durch die Pandemie psychisch noch mal viel anstrengender.“

Karina Weidner und ihre Kollegen haben es mit Kindern zu tun, die an ADHS leiden oder die in ihrem Sozialverhalten beeinträchtig sind. Mit diesen Kindern umzugehen, stellt prinzipiell eine große Herausforderung dar. Potenziert wird diese Herausforderung, wenn einzelne Kinder oder wenn gar die ganze Gruppe in Quarantäne muss. Und das kam in den vergangenen knapp zwölf Monaten laut Einrichtungsleiter Gunter Adams immer wieder vor. Fast zehn Gruppen waren bisher in Quarantäne: „Eine sogar vier Wochen am Stück.“ Teilweise waren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bereit gewesen, die gesamte Quarantänezeit mit den Kindern in der Gruppe durchzustehen.

Gunter Adams stellt nicht in Frage, dass es für Politiker äußerst schwierig ist, in der Pandemie die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dass alte Menschen ein besonderes Augenmerk erfordern, da sie stark gefährdet sind, ist für ihn ebenfalls nachvollziehbar. „Aber man darf die stationäre Kinder- und Jugendhilfe nicht vergessen“, appelliert er. Vor allem durch Krankheitsausfälle, Quarantäne und Homeschooling sei die Arbeitsbelastung immens: „Einer unserer Mitarbeiter hat inzwischen 300 Überstunden.“ Neues Personal einzustellen, sei nahezu unmöglich, da der Arbeitsmarkt für jene Spezialisten, die in der stationären Jugendhilfe benötigt werden, leergefegt ist.

SAZ-Redakteur

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